LOSLASSEN

 

Loslassen.

Wenn du loslässt, lässt du dich neue Erfahrungen machen. Bringst dich in eine neue Umgebung. Du reist. Begegnest anderen Menschen. Du kaufst dir ein Pferd. Du gehst zum Friseur, gehst tanzen, bei Sonnenaufgang laufen. Du spendest, anstatt zu shoppen. Unterschreibst eine Petition, anstatt dich zu ärgern. Machst einen Fehler nach dem anderen und freust dich diebisch über die gelungene Variation.

Du allein definierst, du allein entscheidest, was sich für dich richtig anfühlt. Du lenkst deine Aufmerksamkeit nach Innen.

Loslassen, im Sinne von Feldenkrais, ist ein anderes Wort für Lernen. Dein Gehirn wartet darauf, dass du loslässt. Dein Gehirn lebt vom Loslassen.

WO FÄNGT LOSLASSEN AN

Im Kopf. „Loslassen ist eine Haltung des Geistes“ sagt die Zenmeisterin Sandy Taikyu Kuhn Shimu. Wie im Zen bezieht sich auch im Feldenkrais loslassen nicht nur auf körperliche Schmerzen, Wünsche, Ängste und Gedanken, sondern auch auf Konzepte. Auf Meinungen, Geisteshaltungen und vor allem auf das Bild, dass du dir von dir Selbst machst.

Die Wirksamkeit der Feldenkrais Methode ist untrennbar verbunden mit der Einsicht und dem Mut loszulassen. Moshé Feldenkrais führt dazu aus: wenn du weißt, was du tust, kannst du wählen. Bewusstheit ist die Voraussetzung für Wahl. Bewusstheit ist die Voraussetzung für loslassen. 

WORAN ERKENNST DU, DASS DU LOSLÄSST

Am deinem Atem. Du atmest aus und es fühlt sich gut an. Der Einatem stellt sich von alleine ein. Mühelos. Dein Körper weiß, was er tut. Und du beobachtest in Freude und Demut, wie der Atem kommt und geht. Atmen ist Bewegen, so kannst du jede Bewegung gestalten. Loslassen kannst du lernen. 

LOSLASSEN MUSST DU TRAINIEREN

Das ist ganz leicht. Du machst eine Bewegung von Anfang bis Ende und am Ende der Bewegung lässt du bewusst los. Du lässt dich ausatmen, du willst nichts mehr erreichen, nichts schön machen, nichts richtig machen, du machst einfach eine Pause und schaust dir die Pause an. Dabei vergisst du die Bewegung.  Und wenn du wieder bereit bist für neue Erfahrungen, dann beginnst von Neuem. Jetzt kann die neue Bewegung einzigartig sein und ist keine Kopie der Vorherigen. Sie ist vom Zauber des Neubeginns umgeben. Dadurch ist sie für dein Gehirn relevant. 

WER LOSLÄSST IST EIN HELD

So sah es auch Tang Hoi. Er war der erste Zenmeister Vietnams und Chinas. Von ihm ist der Satz überliefert: „Am Loslassen erkennt man die Helden.“ In jedem Feldenkrais Seminar, in jeder Einzelstunde lernst du loszulassen. Es wird dir bewusst, dass du diese oder jene Bewegung durch eine leichtere, angenehmere, gesündere Bewegung ersetzen kannst. Jetzt hast du die Wahl: Behalten oder Loslassen. Held sein oder nicht.

In den letzten 30 Jahren durfte ich in meiner Arbeit vielen Heldinnen und Helden begegnen. Frauen, Männern und Kindern, die den Mut hatten, Konzepte, Vorurteile, ungesunde Geisteshaltungen loszulassen und mehr und mehr zu erkennen, dass Würde wichtiger ist als Gewohnheit. 

Mein Lehrer Moshé Feldenkrais dazu: „Was ich anstrebe, sind nicht bewegliche Körper sondern bewegliche Gehirne. Was ich anstrebe ist, jeder Person ihre menschliche Würde wiederzugeben“ 

 

 


Feldenkrais Moshé: Das starke Selbst, 1992
Kuhn Sandy Taikyu Shimu: Erleuchtung zum Frühstück, 2015
Thich Nhat Hanh: Leben ist, was jetzt passiert, 2018

3 Anmerkungen zu “LOSLASSEN

  1. Edith Lindermeier

    Ich finde das Foto sehr passend und sehr schön. Schlicht und ganz besonders.
    Zum Loslassen gibt es auch viele Buddhazitate. z.B. „Lerne loszulassen, das ist der Schlüssel zum Glück.“

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  2. Angelika

    Liebe Hella,
    vielen herzlichen Dank für deine guten Worte!!!
    Sie fallen auf guten Boden bei mir und bereichern mich. Vor allem das mit den Fehlern und dem Diebisch-Freuen fand ich so erleichternd, als ich jetzt in meinem Urlaub jemanden mit einer typisch deutschen Verhaltensweise etwas verwirrt habe.
    Herzliche Grüße,
    Angelika

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